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Die Zahl Zwei als globaler Leitwert und Grenzwert in der Klimadebatte
Philosophy and History, KTH, School of Architecture and the Built Environment (ABE), Philosophy and History of Technology, History of Science, Technology and Environment.ORCID iD: 0000-0003-0866-0487
2016 (German)Conference paper, Abstract (Refereed)
Abstract [de]

Die Zahl Zwei hat im globalen Klimawandeldiskurs eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Mit der Formulierung des Zwei-Grad-Ziels im Copenhagen Accord 2009 stieg die Zahl zu einem Leitwert in der internationalen Klimapolitik auf und wurde neben CO2 zum wohl einschlägigsten Klimasymbol in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Zwei beziffert das Ziel, die durchschnittliche globale Temperaturerhöhung auf zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Dem Ziel zugrunde liegen naturwissenschaftliche Annahmen quantifizierbarer planetarischer Belastungsgrenzen. Zwei Grad markieren den einzuhaltenden Grenzwert, unter dem die gegenwärtigen ökologischen und sozialen Bedingungen auf der Erde erhalten bleiben sollen. Als Leitwert wie als Grenzwert hat die Zwei eine enorme diskursive Ubiquität und Macht entfaltet. Dies wurde zuletzt bei der COP21 im Dezember 2015 in Paris deutlich. Während der Klimakonferenz orientierten sich die internationalen Verhandlungen fast ausschließlich am Zwei-Grad-Ziel.

 

Das Zwei-Grad-Ziel ist eine relativ junge Festlegung. Um sie zu treffen, wurden naturwissenschaftliche Beobachtungen und Messungen über große Räume und Zeiträume aggregiert und in Wahrscheinlichkeits- und Modellrechnungen hervorgebrachtes Klimawissen mit politischen Projektionen und Steuerungsentwürfen verknüpft. In ihren heutigen Verwendungszusammenhängen tauchten Grenzwert und Leitwert in den 1980er und 1990er Jahren auf. Im Jahre 2010 wurde das Zwei-Grad-Ziel als UN-Ziel verankert. Als Grundlage der globalen Verhandlung und Steuerung blieb es jedoch wissenschaftlich und politisch umstritten, denn es kämpfte mit dem Vorwurf der Willkür. Zwei Grad schienen entweder als viel zu hoch oder als viel zu niedrig angesetzt. Die Zahl trägt schwer an den Unsicherheiten ihrer Bezifferung und an den Unwägbarkeiten der Folgen bei Überschreitung der Grenze, die sie markiert. Zwei-Grad-Ziel und Zwei-Grad-Grenze gelten weder als gewiss noch als sicher bzw. tolerabel.

 

Es ist das Besondere der Zwei, dass sie wissenschaftliche Klimagrenzen und politische Klimaziele, formuliert im globalen Maßstab, in der Form einer einzigen Ziffer ausdrückt. Diese hochaggregierte Zahl wurde diskursiv einschlägig und global handlungsleitend, ohne lokal oder individuell erfahrbar zu sein. Das Faszinierende der Zwei ist zugleich ihr Problem. Es ist ein Paradox der globalen Zahl Zwei, dass sich der abstrakte globale Klimagrenzwert nicht auf die Vielfalt lokaler Klimaereignisse und Klimaerfahrungen abbilden lässt. Ein zweites Paradox liegt darin, dass sich in der Zwei Forderungen nach sozialer Veränderung konzentrieren, die auf naturwissenschaftlichen Prämissen beruhen. Leitwert und Grenzwert stehen dabei nicht notwendig im Einklang. Während der Zwei-Grad-Leitwert einen politischen Wendepunkt bezeichnet, markiert der Zwei-Grad-Grenzwert den ökologischen Umschlagpunkt, die Schwelle, an dem der ökologische Wandel unaufhaltsam zu werden droht. Wendepunkt und Umschlagpunkt beschreiben durchaus unterschiedliche Zukünfte. Der Wendepunkt markiert den sozialökologisch ‚elastischen’ Bereich, in dem sich der gewünschte Wandel vollziehen soll. Der Umschlagpunkt hingegen offeriert verschiedene neue Optionen, unter denen Stabilität nur eine Lösung ausweist. Alternative Optionen werden gegenwärtig unter der Vorstellung multistabiler sozialökologischer Systeme verhandelt.

 

Mich interessieren zum einen die politischen Prozesse um das Zwei-Grad-Ziel. Dabei geht es mir weniger um die Frage, wer Recht bekommt und wer Recht behält. Mich interessieren die Möglichkeitsbedingungen und die Folgen der Quantifizierung selbst, mit der die Zahl Zwei zu einem globalen Maßstab werden konnte. Neben den genannten Paradoxien der Zwei als einem hoch aggregierten abstrakten globalen Durchschnittswert, der so schlagkräftig wie unsicher ist, sind mit der Zwei eine Reihe problematischer Annahmen verbunden. Diese Annahmen möchte ich gerne in der Form von Thesen diskutieren. Sie stehen in Bezug zu Konzepten, die gegenwärtig im Zusammenhang mit dem Problem des anthropogenen Klimawandels aufgeworfen werden und die eng miteinander verzahnt sind:

 

  1. Zwei aggregiert über Ungleichheiten der Verursachung wie der Folgen von Klimawandel hinweg. Die Zahl ist in ihrer wissenschaftlichen und politischen Reichweite global, keineswegs aber ist sie universell in ihrer Geltung. Zwei ist nicht für alle und überall gleich zwei.
  2. Zwei ist nicht nur anthropogen, sondern auch anthropozentrisch. Zwei geht der Frage nach, welcher Wandel für den Menschen erträglich sein wird. Im Zwei-Grad Ziel entfaltet das „Anthropozän“ eine seiner vielen problematischen Bedeutungen. Das geologische Zeitalter des Menschen ist kein geozentrisches, sondern ein anthropozentrisches; es rückt den Menschen selbst ins Zentrum.
  3. Zwei gibt der Vorstellung naturwissenschaftlich quantifizierbarer planetarischer Systemgrenzen Ausdruck, aus denen sich weitere globale Zahlen ableiten lassen. Zwei ist aus der Vorstellung eines Erdsystems heraus formuliert; Zwei folgt der Annahme der Stabilität des Systems innerhalb eines quantitativ bestimmbaren Rahmens. Inhärente Probleme des Systemdenkens, wie die Frage, wie mit globalen Durchschnitten auf lokale Differenzen geantwortet oder wie lokal gesteuert werden kann, bleiben ungelöst.
  4. Zwei verweist auf das aus der Erdsystemforschung entwickelte Konzept der Planetarischen Grenzen (Planetary Boundaries), die den „sicheren Handlungsraum“ (safe operating space) der Menschheit umreißen. Andere denkbare Fragestellungen und Vorstellungen von irdischer Habitabilität, etwa in Bezug auf Inter- und Multispezies-Beziehungen, bleiben unberücksichtigt, sofern sie nicht bereits ökologisch bestimmbar und als Teil des Erdsystems erfasst sind. Die Erdsystemforschung verstellt quasi systematisch den Blick auf disaggregierte, differenzierte Akteure, die ein System in unterschiedlicher Weise bewohnen.
  5. Zwei sieht den Bremsweg ohne Unfall vor und folgt damit der Idee einer Einteilung in für den Menschen gefährlichen und ungefährlichen Klimawandel. Eine Zwei-Grad-Welt lässt sich prinzipiell als eine lineare Extrapolation der gegenwärtigen Erde vorstellen.
  6. Zwei markiert die Kipp- oder Umschlagpunkte (Tipping Points) des Systems, wie etwa die Umkehr des Golfstroms. Zwei enthält das unwiderstehliche Imaginäre des Überschießens (Overshoot), das die Erde in Systemzustände mit für den Menschen ungewissen Folgen überführt.
  7. Zwei greift aus in das semantische und systemische Feld der „Resilienz“ sozial-ökologischer Systeme – die Annahme der Flexibilität und Adaptivität über den elastischen Auslenkungsbereich hinaus. Als Grenzwert kalkuliert die Zwei die Lernfähigkeit des sozial-ökologischen Systems als ultimative Konsequenz bereits mit ein.

 

 

Place, publisher, year, edition, pages
2016.
National Category
Humanities History Social Sciences Interdisciplinary
Research subject
History of Science, Technology and Environment
Identifiers
URN: urn:nbn:se:kth:diva-199426OAI: oai:DiVA.org:kth-199426DiVA: diva2:1062516
Conference
"Geschichte und Soziologie globaler Zahlen", Conference at University of Luzern, May 26-28
Note

QC 20170123

Available from: 2017-01-06 Created: 2017-01-06 Last updated: 2017-01-23Bibliographically approved

Open Access in DiVA

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https://www.unilu.ch/fileadmin/fakultaeten/ksf/institute/histsem/Dokumente/GlobaleZahlen.pdf

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By author/editor
Höhler, Sabine
By organisation
History of Science, Technology and Environment
HumanitiesHistorySocial Sciences Interdisciplinary

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